FSV Frankfurt - Eintracht Frankfurt

Freundschaftsspiel 1981/1982

1:4 (0:3)

Termin: 28.07.1981
Zuschauer: 8.000
Schiedsrichter: Engel (Frankfurt)
Tore: 0:1 Bernd Nickel (7.), 0:1 Bernd Nickel (25.), 0:3 Bum-Kun Cha (44.), 1:3 Julio Alvarez (48.), 1:4 Holger Anthes (71.)

 

 

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FSV Frankfurt Eintracht Frankfurt

 


 

Wechsel
  • Klaus Herzer für Norbert Winkler (46.)
  • Peter Swiatek für Robert Scharf (46.)
  • Julio Alvarez für Juan Alvarez (46.)
  • Oktay Cavus für Josef Sarroca (60.)
  • Udo Faulstich für Micheal Tuschl (68.)
  • Stefan Rünzi für Dietmar Rompel (72.)
Wechsel
Trainer
  • Rolf Birkhölzer
Trainer

 

 

Rücktritte und Rückkehrer


Schatzmeister Bartl

„Es gab keinen triftigen Grund, Udo Klug zu entlassen“, sagt nicht irgendwer, sondern einer der drei Herren, die genau darüber entschieden haben, der Schatzmeister der Eintracht, Dieter Bartl, in einem Zeitungs-Interview. „Kein(en) Kommentar zum Abstimmungsergebnis von 3:0“ will Bartl geben, steht mit seiner Äußerung zur Entlassung des Managers aber im deutlichen Widerspruch zu den Beteuerungen des Präsidenten Axel Schander, der versichert hat, dass die Entscheidung über Klug einstimmig getroffen worden sei. Über das Ergebnis der Präsidiumssitzung am letzten Samstag wurde zwar bislang offiziell nichts bekannt, doch die Presse geht davon aus, dass die Differenzen offenbar nicht ausgeräumt werden konnten. Am heutigen Dienstag wird sich das Präsidium erneut treffen, diesmal mit Mitgliedern des Verwaltungsrates. Etwas anderes als Bartls Rücktritt wäre aber eine Überraschung. Dabei wurde Bartl erst vor acht Wochen als Schatzmeister ins Präsidium gewählt.

Zielgerichtet und in Eintracht arbeitet dagegen Trainer Lothar Buchmann mit seiner Truppe. „Seit den Tagen von Dietrich Weise oder Gyula Lorant haben sich die Frankfurter nicht mehr so gründlich auf eine neue Bundesliga-Saison vorbereitet“, meint die „Bild“. In der Tat wurde vier Wochen lang täglich zweimal trainiert oder ein Testspiel bestritten und somit bis zu neun Trainingseinheiten in der Woche absolviert. Zwei freie Tage hat Buchmann seinen Spielern in dieser Zeit nur zugestanden, die Stimmung ist dennoch gut.

Mit den Youngstern wie Ralf Falkenmayer, der sich im Training am „Marathon-Mann“ Werner Lorant orientiert, ist der Trainer zufrieden. Auch Neuzugang Armin Görtz glänzt mit bester Kondition, die er dem Boulevardblatt mit seiner früheren Tätigkeit als Briefträger erklärt: „Da konnte ich schon ab elf Uhr trainieren.“ „Die Mannschaft ist durch das Ausscheiden der Stars wie Hölzenbein und Grabowski spielerisch vielleicht geschwächt, aber konditionell auch belastbarer geworden. So können die prominenten Abgänge aufgefangen und die Mannschaftsleistung stabilisiert werden“, glaubt Buchmann, der fordert: „Die Formschwankungen müssen weiter verringert werden.“

Das 4:0 am Samstag gegen Ajax Amsterdam – so könnte man meinen – ist bereits ein Beleg für den Erfolg der Saisonvorbereitung. Doch Ajax befindet sich im Neuaufbau und war ein schwacher Gegner. Torwart Piet Schrijvers – der Bär vom Meer – hat den Höhepunkt seiner Laufbahn überschritten, Sören Lerby konnte nicht überzeugen und junge Spieler wie Frank Rijkaard stehen noch am Anfang ihrer Entwicklung.

Auch das Freundschaftsspiel der beiden großen Frankfurter Fußballvereine am heutigen Dienstagabend wird kein Härtetest für die Eintracht werden, sondern lediglich der Vergleich des amtierenden deutschen Pokalsiegers mit einer mittelmäßigen Zweitligaelf. Interessant wird das Derby durch zwei Personalien: Harald Karger und Holger Anthes. Bereits am Montagmittag um 12 Uhr gab Buchmann in der Pressekonferenz vor dem Spiel bekannt: „Harry Karger macht Fortschritte. Er sitzt auf der Bank.“ Als kurz nach 17 Uhr das Training beendet war und die Spieler in die Kabine verschwanden, bekräftigte der Trainer, dass der Stürmer am Bornheimer Hang das lang ersehnte Comeback feiern wird: „Ich glaube, wir können’s riskieren: Karger spielt.“

Für den Junioren-Europameister Holger Anthes ist das Spiel in Bornheim ebenfalls eine Rückkehr, denn bis vor wenigen Wochen spielte der 18-Jährige, der mit seinem Tor im Endspiel die Elf Dietrich Weises zum Europameistertitel schoss, noch für den FSV Frankfurt. „Ich freue mich riesig darauf, gegen meine alten Kameraden zu spielen“, sagt Anthes, der jedoch nicht von Beginn an auflaufen wird. „Aber eine Halbzeit spielt Holger auf jeden Fall“, kündigt Buchmann an. Rechtsaußen spielte Holger Anthes im letzten Jahr beim FSV und auch in der Jugend-Nationalmannschaft, „doch früher in Neu-Isenburg oder auch in der Jugend beim FSV war ich Mittelfeldspieler“, erzählt Anthes. „Ich merke daran, dass Holger einfach mehr am Ball sein und nicht nur stur am rechten Flügel warten will, was da passiert“, erkennt sein Trainer: „Bisher bin ich mit ihm sehr zufrieden. Was fehlt, ist lediglich ein Schuss Übersicht.“

Die Integration ins neue Team wird Anthes durch Ralf Falkenmayer erleichtert, der mit ihm gemeinsam in der Elf des Europameisters stand und im Trainingslager ein Zimmer teilt. Weil die beiden auch die meiste Freizeit zusammen verbringen, werden sie von den Kollegen „die Zwillinge“ genannt. „Der Kontakt zu den anderen wurde mir durch Ralf sehr erleichtert“, stimmt Anthes zu, „er kennt sich bei der Eintracht doch schon besser aus.“ Wie Falkenmayer sieht sich natürlich auch Anthes mit seinen Bundesligaambitionen und der Junioren-Weltmeisterschaft vom 3. bis 18. Oktober in Australien in einer Zwickmühle: „Einerseits würde ich natürlich gerne spielen, andererseits verliere ich bei der Eintracht drei Wochen, und das könnte mich weit zurückwerfen.“ Die Entscheidung, ob und wer möglicherweise frei gestellt wird, muss am Ende Auswahltrainer Dietrich Weise treffen.


Nickel mit dem 0:1

Zu Beginn der Partie am Bornheimer Hang sitzen vor 8.000 Zuschauern Anthes, Eufinger, Falkenmayer, Görtz und Karger erwartungsgemäß auf der Bank. Das Kommando auf dem Platz führt Eintracht-Regisseur Bernd Nickel, der deutlich macht, dass die Eintracht nach den Abgängen von Grabowski und Hölzenbein auf ihn nicht auch noch verzichten kann. In der 7. Minute stellt er zudem bereits seine Torgefährlichkeit unter Beweis, als er einen Freistoß in das linke Toreck hämmert. Torwart Winkler kommt zwar noch mit den Fingerspitzen an den Ball, doch er stellt bei der Wucht des Geschosses kein Hindernis dar.

Nach 25 Minuten zappelt das Leder zum zweiten Mal im Netz des FSV. Wieder hat Nickel – diesmal aus dem Spiel heraus - aus beträchtlicher Distanz abgezogen. Mit Bernd Nickel steht und fällt das Spiel der Eintracht, das harmonisch wirkt, was vor allem an Nickels Doppelpässen mit Neuzugang Joachim Löw und Bum-Kun Cha liegt. Cha hat allerdings einen schweren Stand gegen Jürgen Weniger, der dem Eintrachtstürmer nur so viel gestattet, wie es sein Name bereits vermuten lässt. Eine Minute vor dem Halbzeitpfiff ist jedoch auch Weniger machtlos und Cha trifft zum 3:0.

Nach der Pause kommt Anthes für Nachtweih ins Spiel, kann jedoch erst einmal keine Akzente setzen. Der FSV hat die Herausforderung mittlerweile angenommen und kämpft mit Leidenschaft gegen die überlegene Spieltechnik des klassenhöheren Lokalrivalen. Julio Alvarez, der zur zweiten Halbzeit für seinen Bruder Juan eingewechselt wurde, unterstreicht das: Er verkürzt in der 48. Minute auf 1:3.

Nach etwas mehr als einer Stunde bringt Buchmann zwei weitere Talente, in dem er Falkenmayer für Sziedat und Görtz für Nickel einwechselt. Mit Nickels Abgang geht der Eintracht nicht nur der Kopf, sonder auch der Motor ihres Spiels verloren. Zurzeit gibt es in den eigenen Reihen keinen Ersatz für den Routinier. Bei allem Talent sind die Spieler aus der zweiten Reihe dort auch erst einmal gut aufgehoben. Gute Ansätze sind allerdings ebenso unübersehbar. In der 71. Minute erzielen sie im direkten Zusammenspiel sogar ein wunderbares Tor. Ralf Falkenmayer hat einen herrlichen Steilpass geschlagen, Armin Görtz ebenso schön geflankt und Holger Anthes mit einem fulminanten Direktschuss aus der Luft unter die Latte getroffen.

Der verdiente Beifall für das 4:1 wird zum brausenden Jubel. Cha wird ausgewechselt, doch das ist natürlich nicht der Grund; der Anlass für die Begeisterung auf den Rängen ist das Comeback des beliebten Torjägers Harald Karger. Natürlich ist von ihm in den restlichen Minuten nicht viel zu sehen, zumal das Spiel nur noch vor sich hinplätschert und mit Nickel der Mann bereits vom Platz gegangen ist, der ihn einzusetzen versteht. Auch der in der 76. Minute für Löw eingewechselte Eufinger – laut „Bild“ „einer wie Karger“ - kann nicht mehr auf sich aufmerksam machen und so bleibt es beim 4:1-Sieg der Eintracht, die nach einer Attacke des ins Spiel gekommenen Torhüters Klaus Herzer an Bruno Pezzey einen umstrittenen Strafstoß vergeben hat: Werner Lorant schoss über die Querlatte.

Trainer Buchmann ist dennoch zufrieden: „In der ersten Halbzeit haben wir so gespielt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Nachher nahm die Mannschaft den Gegner nicht mehr ernst.“ Zu den Talenten in seinem Kader befragt, antwortet er: „Zu Ralf Falkenmayer brauche ich schon fast nichts mehr zu sagen. Er gehört fest zum Stamm. Im Moment muss ich ihn sogar bremsen, dass er sich nicht übernimmt. Armin Görtz kann eine wertvolle Verstärkung werden. Gegen den FSV hat er das nötige Temperament und den nötigen Mut gezeigt, um den Durchbruch zu schaffen. Bei Holger Anthes hat mich nicht das herrliche Tor am meisten gefreut, sondern seine enorme Laufarbeit am Ende des Spiels. Holger hat unterstrichen, dass er auch im Mittelfeld spielen kann und dort Qualitäten hat.“ „Dass mir gerade hier ein Treffer geglückt ist, gibt mir noch zusätzliches Selbstvertrauen“, meint Anthes sachlich.

Nüchtern ist auch die öffentliche Erklärung, die der Verwaltungsratsvorsitzende Rudi Sölch am Abend abgibt: „Bei einem am 28.7. geführten Gespräch zwischen dem Präsidium der Frankfurter Eintracht und Mitgliedern des Verwaltungsrats ist es nicht gelungen, den vom Schatzmeister Dieter Bartl am 25.7. erklärten Rücktritt abzuwenden. Es war nicht möglich, die Auffassungsunterschiede zu überbrücken. Die Mitglieder des Verwaltungsrats nehmen diese Entwicklung mit Bedauern zur Kenntnis. Beirat, Verwaltungsrat und Präsidium der Eintracht werden in aller Kürze gemeinsam die notwendigen Schritte im Interesse des Vereins veranlassen.“ „Keine Panik. Bartls Rücktritt ist das kleinere Übel. Schlimmer wäre es, wenn das Präsidium weiter mit gespaltener Zunge spräche. Ich lasse mich doch nicht als Lügner hinstellen. Bei Klugs Entlassung stimmte Bartl mit. Es war eine 3:0-Entscheidung“, wird Präsident Schander in der „Bild“ zitiert: „Ich lasse mir auch vom Verwaltungsrat nicht dreinreden. Denn vor der Öffentlichkeit muss ich den Kopf hinhalten.“

Kein Problem damit, seinen Kopf hinzuhalten, hat dagegen bekanntlich Stürmer Harald Karger. „Es war phantastisch, das Schönste, was ich bisher erlebt habe“, bedankt er sich nach dem Spiel für die „Harry, Harry“-Sprechhöre: „Ich war überrascht und überwältigt.“ „Ich habe keinerlei Beschwerden“, sagt Karger über seinen Gesundheitszustand, schätzt seine Situation aber realistisch: „Ich hatte schlicht und einfach Angst“, meint er zu seinem Kurzeinsatz, „ich konnte die Hemmschwelle noch nicht überschreiten.“ Im Training wird der Mittelstürmer noch geschont und muss keine harten Zweikämpfe führen, „deshalb läuft es auf dem Trainingsplatz auch besser als im Spiel.“ Das allerdings will Karger ändern: „Ich werde Karl-Heinz Körbel bitten, gegen mich hinzulangen wie gegen alle anderen auch. Nur so kann ich mich an die Härte wieder gewöhnen und die Angst verlieren.“ „Ein Jahr Pause kann man nicht einfach wegstecken, auch Harry nicht“, hat Buchmann Geduld, die er auch von anderen fordert: „Das müssen auch die Zuschauer berücksichtigen.“ „Wenn Bernd Nickel ein halbes Jahr nicht spielt, verliert er trotzdem nicht das Ballgefühl“, bestätigt Karger. „Bei mir ist das anders. Ich habe Schwierigkeiten am Ball und muss hart arbeiten, um diese zu beseitigen.“

„Ich trete den Ball, bis es mir ärztlich verboten wird“, lautet die Aussage des anderen Eintrachtspielers, der noch etwas länger als Karger um seine Rückkehr kämpft. Während sich Karger seine Knieverletzung im ersten Finalspiel des UEFA-Cups 1980 zugezogen hat, passierte es bei Helmut Müller im Halbfinalrückspiel beim 5:1 n. V. gegen Bayern München nach einem Foul von Dieter Hoeneß. „Das war der schönste Geburtstag in meinem Leben“, schwärmte „Helle“ nach dem Sieg, doch es war wahrscheinlich das letzte Pflichtspiel für den heute 28-Jährigen.

Als Müller am Morgen des 30. Juli auf dem Trainingsplatz am Riederwald mit aller Kraft Flanken schlägt, würde ein unwissender Beobachter aus der Ferne kaum erkennen können, mit welchen Schmerzen Müller das tut, oder ahnen, wohin den Außenverteidiger am Nachmittag der Weg führen wird: Helmut Müller stellt den Antrag auf Sportinvalidität. Seine Versicherung will Klarheit, ob „Helle“ noch einmal als Profi eingesetzt werden kann. Am Montag wird er sich noch einmal bei Professor Heß vorstellen, danach bei den Vertrauensärzten der Versicherung. Müllers Knie lässt sich nicht mehr schmerzfrei beugen, obwohl er alles versucht hat. Im Juni 1980 wurden bei der ersten Operation die Bänder im rechten Knie gestrafft und im Oktober 1980 in einer zweiten Operation bei Professor Heß die Bänder erneut gekürzt und der Innenmeniskus entfernt. Im Frühjahr versuchte Heß es nun mit einer Mobilisation, der Beugung unter örtlicher Betäubung, doch als die Wirkung der Spritze nachließ, kehrten die Schmerzen wieder. Auch die Krankengymnastik in Wiesbaden und danach bei einem Spezialisten in der Rhön brachte keine Schmerzfreiheit. Mit Helmut Müller – das steht fest - verliert die Eintracht nicht nur einen technisch versierten Außenverteidiger, sondern auch ein sympathisches Eigengewächs. (rs)


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