Eintracht Frankfurt - Meidericher SV

Bundesliga 1965/1966 - 7. Spieltag

2:0 (0:0)

Termin: Sa 02.10.1965, 16:00 Uhr
Zuschauer: 18.000
Schiedsrichter: Alfred Ott (Rheinbrohl)
Tore: 1:0 Wilhelm Huberts (53.), 2:0 Istvan Sztani (83.)

 

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Eintracht Frankfurt Meidericher SV

 


  • Manfred Manglitz
  • Johann Sabath
  • Hartmut Heidemann
  • Heinz van Haaren
  • Manfred Müller
  • Werner Krämer
  • Ludwig Nolden
  • Horst Gecks
  • Rüdiger Mielke
  • Carl-Heinz Rühl
  • Heinz Versteeg

 

Trainer Trainer
  • Hermann Eppenhoff

 

Mit kaltem Blut und Peter Kunter

Groß ist der Jubel bei den deutschen Fußballanhängern: Mit 2:1 hat die von Bundestrainer Helmut Schön trainierte DFB-Auswahl am vergangenen Wochenende das wahrscheinlich entscheidende Qualifikationsspiel in Schweden gewonnen und sich die Teilnahme an der WM in England gesichert. Uwe Seeler, der sich Mitte Februar im Waldstadion die Achillessehne gerissen hatte, feierte dabei einen Monat nach seiner Rückkehr auf den Rasen der Bundesliga in seinem ersten Länderspiel des Jahres 1965 einen Triumph, den sich ein Drehbuchschreiber nicht besser hätte ausdenken können: Er erzielte den Siegtreffer. Dabei hatte Seeler nach einer Trainingspause Ende August noch befürchtet: „So wie es aussieht, kann ich gegen Schweden auf keinen Fall mitmachen.“ „Uns Uwe“ verpasste aber nur das folgende Bundesligaspiel und kam in den nächsten beiden Punktspielen auf je zwei Treffer und Torvorlagen.


Grahns Faustschlag gegen Tilkowski

In Stockholm war es dann der hitzig geführte Kampf, den man angesichts der Bedeutung des Spiels und der Hypothek aus dem unvergessenen Duell im WM-Halbfinale 1958 erwartet hatte. Ähnlich unsportlich wie teilweise vor sieben Jahren ging es auch dieses Mal zu. Horst-Dieter Höttges fällte nach einer halben Stunde Örjan Persson, der erst nach einer Behandlung außerhalb des Spielfelds weitermachen konnte, und Jan-Olof „Ove“ Grahn schlug bereits nach der dritten schwedischen Ecke Torwart Hans Tilkowski die Faust voll ins Gesicht, was zu einer Spielunterbrechung führte, weil der Schlussmann am Boden liegend behandelt werden musste. Grahn erhielt vom englischen Schiedsrichter Kenneth Dagnall wie Höttges eine Verwarnung, war damit jedoch ungleich besser bedient als der Deutsche.

Entscheidend für den Sieg der Elf Helmut Schöns war die schnelle Antwort auf die schwedische Führung, die Torbjörn Jonsson nach einem Fehler Tilkowskis in der 44. Minute erzielen konnte: Eine Flanke Schnellingers verlängerte Seeler mit dem Kopf zu Brunnenmeier und dessen Vorlage am schwedischen Schlussmann vorbei erreichte Werner „Eia“ Krämer, der unbewacht zum 1:1 einschob. Dieser Treffer „war nicht mit Geld zu bezahlen“, kommentierte Ehrenspielführer Fritz Walter, der nach dem 0:1 alle Hoffnung hatte fahren lassen, in seiner Kolumne. Krämer erzielte aber nicht nur den Ausgleich, er war neben dem Debütanten Beckenbauer und Italien-Legionär Schnellinger, der den hierzulande aus verschiedenen Gründen gut bekannten Kurt Hamrin dieses Mal kaum einen Stich ließ, der beste deutsche Spieler auf dem Platz.

Krämer, der bekennende Bier-Trinker und leidenschaftliche „Ernte 23“-Raucher, ist auch in der Liga in bestechender Form, Die Frankfurter Eintracht weiß also, auf wen sie im Heimspiel gegen den MSV Duisburg besonders achten muss. Die „Zebras“ sind allerdings angeschlagen, weil sie nach dem 5:1-Sieg gegen Schalke 04 am 3. Spieltag drei Niederlagen in Folge hinnehmen mussten. Dem 2:3 gegen Köln folgte ein 0:2 in Bremen und vor dem Länderspiel wiederum eine 2:3-Heimniederlage gegen den TSV 1860 München. Krämer steuerte zur Aufholjagd gegen die „Löwen“ nach einem 0:2-Rückstand eine Vorlage und einen Treffer bei, doch die erneute Niederlage konnte auch er nicht verhindern.

Keine leichte Zeit für den neuen Trainer Hermann Eppenhoff, der mit dem BVB 1963 Deutscher Meister und im Sommer DFB-Pokalsieger wurde. An der Wedau hegt man nach dem 7. Platz in der letzten Saison natürlich die Erwartung, mit dem erfolgreichen Fußballlehrer an den Erfolg der ersten Bundesligaspielzeit anknüpfen zu können, in der der MSV dank des besseren Torverhältnisses vor der Frankfurter Eintracht Vizemeister wurde. Die Abgänge im Sommer haben den MSV nicht geschwächt, wird in Duisburg argumentiert. Heinz Höher, der in die Niederlande zu Twente Enschede wechselte, sowie Abwehrspieler Dieter Danzberg, den Aufsteiger Bayern München an die Isar holte, waren beispielsweise keine Stammspieler.

Dagegen hat man u. a. den Sturm verstärkt, in dem der Brasilianer Raoul Tagliari wohl auch in dieser Runde keine Rolle spielen wird. Seine erneute Bewährungschance am 2. Spieltag konnte der Südamerikaner, der im Westen Deutschlands nicht heimisch wird, jedenfalls wieder nicht nutzen. Auf eine solche Chance wartet Vincenz Fuchs noch. Der Angreifer, der für den 1. FSV Mainz 05 in 66 Partien der Regionalliga Südwest 35 Tore erzielen konnte, kam bisher nicht zum Einsatz. Carl-Heinz Rühl vom Zwangsabsteiger Hertha BSC, der es für die Berliner auf immerhin 12 Tore in 54 Bundesligaspielen gebracht hat, gehört dagegen zur Stammelf, hat dem MSV bislang neben zwei Torvorlagen, aber nur einen Treffer geliefert.

Nicht einfach also für den Trainer, einen schlagkräftigen Sturm zusammenzustellen. Horst Gecks, der in den letzten beiden Runden in 33 Spielen für 11 Treffer gut war, bekommt heute seinen vierten Einsatz in Folge, getroffen hat er aber noch nicht. Eppenhoff versucht es daher mit einem weiteren Eigengewächs: Rüdiger Mielke kommt für Werner Lotz, der gegen 1860 einen Strafstoß verschuldete, aber auch für den Anschlusstreffer verantwortlich zeichnete und den zwischenzeitlichen Ausgleich vorbereitete, zu seinem ersten Saisoneinsatz. Der Nachwuchsstürmer hat zum Ende der letzten Runde in seinen beiden ersten Bundesligaeinsätzen einen Treffer erzielen können. Außerdem ersetzt der Coach gegenüber dem letzten Spiel Rudolf Schmitt und Günter Preuß durch Manfred Müller und Hartmut Heidemann.

Veränderungen gegenüber dem letzten Bundesligaspiel, bei dem die Eintracht in Stuttgart ihren ersten Zähler auf fremden Platz holte, nimmt Trainer Elek Schwartz ebenfalls vor: Hermann Höfer läuft anstelle von Karl-Heinz Wirth auf und Oskar Lotz wird von Wolfgang Solz ersetzt. Der hat wie Höfer den Fußballlehrer in der Länderspielpause beim Freundschaftsspiel gegen Royal Beerschot AC überzeugt, als er den Treffer zum 5:1-Endstand beisteuern konnte. Auf seinen ersten Einsatz in der Bundesliga warten muss dagegen noch Jugendnationalspieler Walter Bechtold, der gegen die Belgier sogar zwei Treffer erzielte.

Die ersten Chancen haben vor 18.000 Zuschauern allerdings die Gäste aus Duisburg. Horst Gecks prüft Frankfurts Keeper Kunter schon nach vier Minuten zum ersten Mal. Trotz ihrer überaus defensiven Taktik galoppieren die „Zebras“ bisweilen gefährlich nah ans Tor der Gastgeber, die in der 22. Minute nicht verhindern können, dass Werner Krämer nach Steilpass von Gecks allein vor Peter Kunter auftaucht. Der Schlussmann wartet nervenstark ab und der den Schuss des Stürmers prallt von Kunters Körper ab. Das war knapp.

Der Sturm der Eintracht ist zwar nominiert und vollzählig anwesend, doch auf dem Platz tritt er sonst nicht in Erscheinung. Allein Sabath hat Probleme mit Grabowski und Lechner versucht zwar, das Spiel anzukurbeln, doch ihm fehlen mangels Raum und Laufbereitschaft seiner Mitspieler Anspielmöglichkeiten. Die sicheren Abwehrreihen und der fehlende Mut zum Risiko sorgen dafür, dass es in der ersten Halbzeit nur wenige erwähnenswerte Szenen gibt. Würde aufseiten der Gastgeber in der letzten Viertelstunde vor der Pause nicht Huberts MSV-Torwart Manglitz mit zwei Freistößen auf die Probe stellen, sähe die Bilanz der Eintracht noch kläglicher aus. Der in dieser Saison nicht immer sichere Manglitz meistert beide Schüsse übrigens glänzend.

Die Prognose des Eintracht-Trainers in der Halbzeitpause fällt angesichts des Spielverlaufs und besonders der Chancenverteilung etwas überraschend aus: „Hoffentlich mauern die Meidericher weiter, dann packen wir sie“, meint Elek Schwartz. Auf jeden Fall behält der MSV auch nach der Pause seine Taktik bei und Schwartz nur wenige Minuten später Recht.

Heidemann hat Lechner im Strafraum leicht gerempelt und gesperrt, was der Schiedsrichter mit einem indirekten Freistoß bestraft. Diesen tippt Trimhold kurz an und Huberts findet mit seinem Schuss aus 13 Metern überraschend eine Lücke im Gewirr der gegnerischen Abwehrbeine: Unhaltbar für Manglitz rauscht die Kugel in den Torwinkel.

Das 1:0 nach 53 Minuten lässt die Gäste ihr bisheriges Konzept aufgeben. Das Mittefeld gehört nun ihnen, auch weil Lechner wegen seiner Deckungsarbeit bei Krämer kaum noch etwas für das Aufbauspiel tun kann. Und Trimhold liefert nach den überzeugenden Leistungen der Vorwochen heute ohnehin eine schwächere Partie. Die geschickten Positionswechsel der MSV-Angreifer Gecks, Krämer und Versteeg bringen immer wieder Gefahr, die aber teilweise vom überragenden Friedel Lutz abgebogen werden kann. Lutz glänzt mit vorausschauendem Stellungsspiel und Tacklings, die in ihrer Präzision einem Chirurgen zur Ehre gereichen würden.

Alles kann jedoch auch Lutz nicht verhindern, schon gar nicht, wenn ein Gegner – wie Rühl in der 57. Minute – zu unfairen Mitteln greift und den Ball mit der Faust ins Tor schlägt. Der aufmerksame und fehlerfreie Unparteiische Ott hat aber auch diese Situation gesehen und richtig bewertet. Neben dem Schiedsrichter kann sich die Frankfurter Mannschaft aber vor allen Dingen bei ihrem Torhüter bedanken, der in der 68. Minute bereits zum dritten Mal gegen den – wiederum nach einem Steilpass von Gecks – enteilten Krämer bravourös rettet. Gegen den Pfostenschuss von Nolden wäre jedoch selbst Kunter machtlos gewesen.

Auf Entlastung kann die Hintermannschaft der Eintracht kaum hoffen. Huberts, Sztani und Solz sind im zweiten Durchgang noch weniger in Bewegung als in der ersten Hälfte und mittlerweile hat Sabath Grabowski besser im Griff. Dass es den Hessen dennoch gelingt, die Begegnung sieben Minuten vor dem Ende zu ihren Gunsten zu entscheiden, ist dem Aussetzer von MSV-Schlussmann Manglitz geschuldet. Als dem weit aus seinem Kasten herausgelaufenen Torwart bewusst wird, dass er die Strafraumgrenze hinter sich gelassen hat und seine Hände nicht länger straffrei benutzen darf, entschließt er sich, den Ball nicht mit dem Fuß, sondern durch einen Hechtkopfball aus der Gefahrenzone zu befördern. Dabei köpft er Sztani das Leder direkt vor die Füße. Der feine Techniker schlägt solch ein großzügiges Angebot natürlich nicht aus und hebt den Ball über die MSV-Abwehr ins verlassene Tor. Das 2:0, Sztanis erster Bundesligatreffer und der Schlusspunkt dieser Partie.

„Meiderich war gleichwertig, wir haben die Chancen aber kaltblütiger genutzt“, ist Elek Schwartz nach dem Abpfiff erleichtert und hebt den Mann des Spiels hervor: „Kunter hat großen Anteil am Sieg!“ „Was soll ich sagen?“, ringt dagegen Hermann Eppenhoff um eine Erklärung: „Wer so klare Torchancen auslässt, hat den Sieg nicht verdient. Spielerisch war ich zufrieden, wir haben aber ausgesprochen unglücklich operiert.“ (rs)


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